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Zitate
  "Um sich in dieser Realität zu befreien, ist erst mal wichtig, dass man sie wahrnimmt." Tom Tykwer

"Ich habe Lola rennt zwei Mal gesehen." Julia Roberts

  Tom Tykwer
  1965 Tom Tykwer wird am 23.Mai in Wuppertal geboren
1979 Arbeit als Filmvorführer
1984 Umzug nach Berlin
1991 erster Kurzfilm "Because"
1993 Langfilmdebüt "Die tödliche Maria"
1997 "Winterschläfer"
1999 "Lola rennt"
2000 "Der Krieger und die Kaiserin"
2002 "Heaven"

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Tom Tykwer


Sind die Uhren unseres Lebens längst gestellt? Tom Tykwer zeigt sich in all seinen bisherigen Filmen, "Die tödliche Maria", "Winterschläfer", "Der Krieger und die Kaiserin" und "Heaven", fasziniert von der Macht jenes grimmigen Sekundenbruchteils, der alles verändern kann - ob man ihn nun Zufall, Schicksal oder Fügung nennen mag. Dageben steht freilich eine hoffnungsvolle Vorstellung, die Tykwer mit den großen romantischen Kinoerzählern verbindet: Die Überwindbarkeit all dieser verhängnisvollen Mächte durch die Liebe. Dabei stehen die Elemente für die Schnittstelle zwischen Diesseits und Jenseits; der freie Fall durch die Luft, das Eintauchen ins Wasser markieren die Schwelle zur Transzendenz.

In "Der Krieger und die Kaiserin" rettet eine Krankenschwester (gespielt von Tykwers langjähriger Lebensgefährtin Franka Potente, dem Star aus "Lola rennt") einem flüchtigen Räuber das Leben. Gemeinsam springen sie schließlich vom Dach der Klinik in einen Tümpel, der ihnen die Tür zu einem neuen Leben sein wird. Ein unsichtbarer guter Geist wacht über Hänsel und Gretel und weckt Erinnerungen an das deutsche Märchengut. Auch wenn Tykwer in diesem Film mitunter sogar Stilmittel des Horrorfilms streift, sollte man "Der Krieger und die Kaiserin" nicht für ein melancholisches Nachtstück halten. Und der liebevolle Realismus der Nebenfiguren macht aus der Nervenklink Birkenhof kein Hospital der Geister.

Man hat seinen Erfolgsfilm "Lola rennt" oft mit dem Lebensrhythmus des Techno verglichen. Hätte es diesen Titel nicht schon gegeben, meinte Tykwer einmal, hätte der Film auch "Speed" heißen können. Doch die harten Stakkato-Beats sind in den Clubs auf dem Rückzug, wo sich entspanntere House- und Ambientklänge durchsetzen. So war "Der Krieger und die Kaiserin" abermals richtungsweisend. Gäbe es diesen Titel nicht schon, müsste man ihn "Speed 2" nennen. Die innovative Behandlung von Zeit ist die bemerkenswerteste Leistung dieses Films. Selten zuvor hat ein Mainstreamfilm so viel riskiert im Experimentieren mit spannungsvoller Langsamkeit.

Private Ikonographie der Provinz

Tom Tykwer begann seine Filmkarriere als Kinovorführer in Wuppertal. Das größte Wunder des Kinos ist seine Macht über die Zeit. Wie keine andere Kunst kann das Kino die Zeit schnell und flüchtig, aber auch rar und kostbar erscheinen lassen. Tom Tykwer hat das Staunen darüber nicht verlernt. Wie Wim Wenders, der 1974 in Wuppertal, dem Schauplatz von "Der Krieger und die Kaiserin", "Alice in den Städten" drehte, lenkt er dabei den Blick auf die private Ikonographie der Provinz.

Die vielleicht radikalste Lösung innerhalb seines Werks findet Tykwer für einen der größten Spanungsmomente in "Der Krieger und die Kaiserin". Bei einem Bankraub begegnet sich das Heldenpaar wieder, natürlich gelenkt von der Macht des Zufalls. Gegen alle dramatischen Konventionen überhöht der Regisseur diese Szene in langen statischen Einstellungen. Erst die kontrapunktisch eingesetzte Filmmusik erzeugt die eigentliche Spannung; Tykwer verwendet ein minimalistisches Soloklavierstück des estländischen Komponisten Lepo Sumera.

Emotionale Hilfskonstruktionen

"Wer sind wir? Woher kommen wir?", fragt ein Märchenerzähler zu Beginn von "Lola rennt". Manche Fragen sind zu groß für einen einzigen Film. Tykwer hat sich in all seinen bisherigen Arbeiten mit den Utopien und Wirklichkeiten der Liebe auseinander gesetzt. Nach den Kurzfilmen "Because" und "Epilog" drehte er 1993 "Die tödliche Maria": Eine einsame Frau flüchtet sich darin in eine imaginäre Brieffreundschaft und findet Trost in den Ritualen ihres Alltags. In der komplexen Figurenkonstellation von "Winterschläfer" steckte dann gleich eine Vielzahl von Modellen, emotionale und äußere Welterfahrungen unter einen Hut zu bringen. Tykwers Filme interessieren sich für die liebe Not, die man damit haben kann. Und sie erzählen ohne Herablassung davon, wie Objekte als emotionale Hilfskonstruktionen dabei behilflich sein können. Vielfach ist es die Fotografie, die Tykwers Figuren hilft, Erinnerungen, Wünsche oder Versäumnisse zu verwalten. Nach seinem Kinodebüt wurde der 28-jährige Filmemacher gefragt, an welchen Themen er weiter arbeiten wolle. "Liebe, wie immer", war Tykwers knappe Antwort. "Und dass sie so schlecht funktioniert." Der Himmel, im Kino war er nur eine Showtreppe von der Erde entfernt. Tom Tykwer, der ehrgeizigste Bild-Erzähler des deutschen Films, hat einen neuen Weg dorthin gefunden.


Daniel Kothenschulte

 

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