Tom Tykwer
Ehrgeiziger Bild-Erzähler
Zufall, Schicksal oder Fügung? Sekundenbruchteile können alles verändern. Tom Tykwer, Deutschlands erfolgreichster Nachwuchsregisseur, experimentiert mit der Zeit im Film und lotet neue Grenzen aus.
Hundert Jahre ist es her, dass das Kino jung war und Georges Meliès seine pappenen Eisenbahnen zum Mond fahren ließ. Armeen von Rauschgoldengeln bevölkerten alsbald die Leinwände, denn keine Vorlage erwies sich beim frühen Kinopublikum als so beliebt wie die Bibel. Und welcher Ort könnte sich einer größeren Neugier sicher sein als das Paradies? Dem Kino sei Dank haben wir eine genaue Vorstellung davon, wie es dort aussieht. "Waiting for Heaven" war die Parole, bis im Februar 2002 Tom Tykwers bislang neuester Film "Heaven" auf der Berlinale seine Premiere erlebte.
Traumtänzerisch in der Zeit
Der Mythos, der Tykwers Film "Heaven" vorausging, stand in ironischer Beziehung zu seinem Sujet. So stammte das Drehbuch gewissermaßen selbst aus dem Jenseits - oder zumindest aus dem Nachlass eines der bedeutendsten Regisseure des Weltkinos, Krysztof Kieslowski. Eine Reise, die im Himmel endet, sollte wohl an einem profanen Ort anfangen. Turin ist der Inbegriff des modernen Italiens, aber etwas Metaphysisches ist doch dabei: Immerhin verehrt man hier ein Grabtuch Christi, man denkt an die Futuristen oder den eleganten Realismus von Viscontis Rocco und seine Brüder. Rechtwinklig und farblos sind Tykwers Luftbilder, die in den Ort des Geschehens führen. Philippa, eine junge Englischlehrerin (Cate Blanchett), legt eine Bombe in den Papierkorb eines Bürogebäudes. Sie ist vorsichtig genug, die Sekretärin aus dem Zimmer zu locken, doch die Wege des Herren sind unergründlich. Oder des Zufalls, möglicherweise.
In einer virtuosen Montagesequenz verfolgt der Regisseur von "Lola rennt", des international erfolgreichsten deutschen Films der letzten Jahre, den Weg der tickenden Hinterlassenschaft über einen Putzwagen in einen Fahrstuhl, wo ein Vater mit seinen beiden Kindern neben der Putzfrau ihre Opfer werden. Beim Verhör bricht die alsbald Verhaftete zusammen, als sie vom fatalen Missgeschick erfährt. Einem Drogenboss hatte ihr Attentat gegolten, der, von den Carabinieri gedeckt, eine Doppelexistenz führt. Nun ist sie selber für den Tod von Unschuldigen verantwortlich. Äußerlich unbeteiligt, aber innerlich bewegt übersetzt ein Polizeidolmetscher ihr Englisch ins Italienische. Doch die wahre Lotsentätigkeit dieses ruhigen, einsam erscheinenden Filippo nimmt damit erst ihren Anfang: Zuerst rettet er sie aus der Gefangenschaft in den Dachboden des Polizeipräsidiums. Dann überzeugt er sie von seiner Liebe und lässt sie dennoch ihre tödliche Mission zu Ende bringen.
Wer ein Gleichnis erzählen will, darf nicht die Einfachheit fürchten. Man kann diese Einfachheit in ihrer Haltung naiv nennen, in ihrer Ausführung ist sie es nicht. Was sich in Tykwers sehr ähnlich angelegtem Liebesfilm "Der Krieger und die Kaiserin" als formales Problem ankündigte, wird hier formal virtuos zu Ende gebracht: ein Verständnis von Film als geradezu traumtänzerisch gehandhabter Organisation von Zeit.
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