Rosemarie Trockel
Für Schweine und Menschen
"Leben heißt Strumpfhosen stricken." Rosemarie Trockel kommentiert weibliche Verhaltensmuster. Und repräsentiert Deutschland als erste Frau bei der Biennale 1999 in Venedig. Sie hasst den Begriff "Frauenkunst".
"'Wer ist der beste Künstler?' ...Willst Du mich provozieren? Jetzt sag schon, wer ist der beste Künstler?' ..." Unaufhörlich beschimpft eine herrische Rosemarie Trockel, die sich selbst in ihrem Video "Continental Divide" (1994) gefangen genommen hat, ihr inhaftiertes, eingeschüchtertes Double und verhört es über ihren Status als Künstlerin. Unerbittlich quält sie Namen aus ihm heraus: Mangold, Gilbert & George, Baselitz, Kippenberger. Doch auch als der "richtige" Name – Trockel – fällt, geht die beklemmend-paradoxe Selbstbefragung weiter. Das Verhör kann den Fall nicht aufklären, weil es keine Antwort gibt. Kein Trendbarometer oder Kunstkompass kann Kunstbetriebshierarchien wirklich ermessen. Nur so viel fühlt man: In der immer wieder geschrienen Frage nach dem besten Künstler schwingen Selbstzweifel, Konkurrenz, Eifersucht, Selbstbefragung, Bitterkeit, Egoismus und Machtwille mit. Wünsche und Pathos scheinen grenzenlos im Video Trockels.
Stricken als Masche
Im Kunstbetrieb hat Rosemarie Trockel mittlerweile erreicht, womit sie einst im Titel einer Arbeit kokettierte: "Ich wollte schon immer etwas Besonderes sein." Heute ist sie international eine der gefragtesten Künstlerinnen. Gelungen ist es ihr mit den Maschen ihrer Strickbilder. Mitte der 1980er Jahre greift sie diese banale "weibliche" Kulturtechnik auf, die man gemeinhin mit mehr oder minder geschmackvollen, harmlosen Handarbeitsprodukten wie Socken oder Topflappen verbindet. Auch wenn zu dieser Zeit ein bundesrepublikanischer Strickboom selbst Universitätsstudenten und gar Politiker im Parlament erreicht, stutzen liberale Betrachter angesichts Rosemarie Trockels Maschenwerk, das das Rheinische Landesmuseum Bonn 1985 erstmals zeigt. Manche können auch später kaum begreifen, wie eine halbwegs aufgeklärte Frau wie Rosemarie Trockel am Ende des 20. Jahrhunderts eine Fotocollage "Leben heißt Strumpfhosen stricken" (1998) nennen kann.
Genauer Betrachtung ihrer Arbeiten aber entgeht nicht ihre Ironie und Absurdität: Mit überlangen Strümpfen etwa kommentiert Trockel die soziale, oft restriktive Bedeutung von Mode. Auch hat sie nicht selbst Maschen gezählt. Motive wie Hammer und Sichel, das Güte versprechende Wollsiegel oder das Playboy-Häschen Bunny hat die Künstlerin vom Computer zu fortlaufenden Mustern auf Bilder, Kleider und Mützen stricken lassen. Die industrielle Fertigung pervertiert das Klischee der mit Stricknadeln klappernden Ehefrau. Zugleich arbeitet sich Trockel auch an der Autorschaftsidee klassischer Malerei wie an der Absage der männerdominierten Minimal Art an handwerkliche Prozesse des Künstlerischen ab. Kritisch reflektiert sie Zuschreibungsmuster zur Herstellung von Weiblichkeit ebenso wie feministische Bastelästhetik. Maßgeblich beeinflusst sie so die Entwicklung eines feministischen Kunstdiskurses. Und immer noch hasst sie den Begriff "Frauenkunst".
Markenzeichen "Herdplatte"
"Wer sich nicht wehrt, endet am Herd" - solche feministischen Kampfparolen hört Rosemarie Trockel während ihrer Studienzeit. 1971 besucht sie die pädagogische Hochschule, belegt die Fächer Anthropologie, Soziologie, Theologie und Mathematik und will Lehrerin werden. Drei Jahre später beginnt sie ein Malereistudium an der Werkkunstschule Köln und dreht erste Super-8-Filme, darunter "Sei kein Kind von Traurigkeit". Reif für den Kunstbetrieb fühlt sie sich danach nicht. Erst 1980, als sie die Architektin Monika Sprüth - ihre spätere Galeristin - kennen lernt, mit ihr in die USA reist, dort die Künstlerinnen Jenny Holzer, Barbara Kruger, Louise Lawler und Cindy Sherman trifft und sich in Köln mit Künstlern der Gruppe Mülheimer Freiheit anfreundet, beginnt sie wieder intensiv zu arbeiten. Trockel entwickelt eine weniger malereizentrierte Position und beginnt, weibliche Verhaltensmuster genau zu beobachten.
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