William Forsythe
Der Tänzer im Turm
Das klassische Ballett empfindet er als Parodie. Choreograph William Forsythe entschlackt die Tanzkunst und wird international gefeiert. Nur die Stadt Frankfurt scheint auf den kühnsten Neuerer der Tanzszene verzichten zu wollen.
Eine Hand liegt auf einer Schulter, rutscht herab und pendelt. Sehr schlicht beginnt eine der aktuellen Tanzchoreographien von William Forsythe. Was die vier Tänzer auf der Bühne nun aber in knapp 20 Minuten vollführen, entwickelt in etwa die Komplexität der Chaostheorie. Halten und loslassen, ziehen, stoßen, greifen und fangen – "das Ballett das wir kennen, ist vorbei", sagt der amerikanische Choreograph und Frankfurter Ballettdirektor Forsythe.
Schwanensee, nein danke
In der internationalen Tanzszene gibt es nur eine Hand voll Helden: Die Deutsche Pina Bausch, die Belgierin Anne Teresa de Keersmaeker, die Kanadierin Marie Chouinard zählen dazu. Der einzig männliche Choreograph, der international ähnlich gefeiert wird, ist der Amerikaner Forsythe. Er lebt und arbeitet seit seinem 21. Lebensjahr in Deutschland und "markiert als einziger Choreograph überhaupt dem Tanz den Weg in ein nächstes Jahrtausend", wie eine Kritikerin der "Süddeutschen Zeitung" schreibt.
"Schwanensee" gibt es bei Forsythe - zum Leidwesen mancher Ballettfreunde - nicht. "Die klassischen Formen hat er längst über Bord geworfen, und die klassischen Materialien benutzt er vor allem, um sie auf ihre Belastbarkeit und Reißfestigkeit zu überprüfen", schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Ich versuche das Ballett auf meine unkorrekte Weise lebendig zu machen", sagt der Tanzregisseur.
Zersplittern, schlenkern, überdrehen
Forsythe entschlackt die Tanzkunst, demontiert den Mythos Ballett und setzt Bewegungselemente völlig neu zusammen. Inspirieren lässt er sich von jugendlichen Hip-Hop-Crews in Pariser Vororten oder auch mal von Computerprogrammierern. Die Bewegungen für Forsythes Stück "Alie/n A(c)tion" beispielsweise sind mit Hilfe eines Animationsprogramms am Rechner entstanden. Was dabei dann herauskommt? "Zersplittern, überdrehen, schlenkern, wegrutschen, zurückschnellen" (Die Welt) oder minimalistisch reduzierte Bewegungsfragmente jenseits des Pas de deux.
Love Songs
Angefangen hat William Forsythe als klassischer Tänzer. Geboren am 30. Dezember 1949 in New York, zeigt der Spross einer Ingenieurs- und Musikerfamilie bereits frühzeitig außerordentliche Begabung. Geige, Fagott und Querflöte spielt er im zarten Alter von vier Jahren. Mit zehn tritt er erstmals in Musicals auf. Es folgt Tanzunterricht am College in Jacksonville. Später besucht Forsythe die Joffrey Ballet School in New York, lernt dort bei Jonathan Watts und Maggie Black, bevor ihn John Cranko 1973 als Tänzer für das Stuttgarter Ballett engagiert.
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