Hilla und Bernd Becher
Anonyme Skulpturen
Der Himmel muss bewölkt und das Licht flau sein, damit das tiefenscharf fotografierte Gebäude formatfüllend in den Mittelpunkt rückt. Seit mehr als 40 Jahren arbeiten Hilla und Bernd Becher an einem fotografischen Lebensprojekt: der industriearchäologischen Bestandsaufnahme der Welt.
Sie sind Bildhauer. Zumindest für die Jury der Biennale von Venedig, die Hilla und Bernd Becher 1990 den "Goldenen Löwen für Skulptur" verleiht. Im deutschen Pavillon hängen ihre Foto-Serien von Fabrikhallen, Hochöfen, Kühltürmen, Kohlesilos und Gasbehältern. Skulpturen haben die Bechers noch nie gemacht - sie fotografieren sie. Ohne die Bechers aber wären die industriellen Produktionsstätten keine "anonymen Skulpturen". Erst wenn die Bechers ihre Gebrauchsfunktion übersehen, sie im Bildausschnitt aus ihrem Kontext lösen und in Serien ordnen, lenken sie die Aufmerksamkeit auf die "Industriebauwerke", auf "Konstruktionen", auf "Strukturen", auf "Objekte". Die vermeintliche Objektivität ihrer Fotografien und ihre objekthafte Inszenierung haben Hilla und Bernd Becher zu Stars der zeitgenössischen Fotografie gemacht.
Gleichberechtigung am Auslöser
Wer auf den Auslöser drückt, sagt Bernd Becher, spiele keine Rolle. Objekte und Aufnahmestandpunkte für ihre Fotografien wählen Hilla und Bernd Becher gemeinsam aus. Und beide entscheiden, was nach der Entwicklung verändert werden muss. Als sie 1958 ohne Auftrag ihre fotografische Bestandsaufnahme industrieller Bauten beginnen, ist das ein Schritt auf weitgehend unbearbeitetes Terrain. Bernd Becher, 1931 in Siegen geboren, hat zuvor Dekorationsmalerei im Betrieb seines Vaters gelernt, in Kirchen restauriert und an der Stuttgarter Kunstakademie bei Otto Rössing, einer Randfigur der Neuen Sachlichkeit, Grafik und Malerei studiert. 1957 wechselt er zum Typographiestudium an die Düsseldorfer Kunstakademie und fotografiert, um Material für seine Zeichnungen und Drucke zu haben.
Hilla Wobeser, 1934 in Potsdam geboren, fotografiert schon als Teenager. Sie macht ihre Ausbildung 1951-54 bei einem Potsdamer Fotografen und fotografiert für ihn im Reichsbahnausbesserungswerk, auf Hafen- und Bahnhofsgeländen. 1955 flieht sie aus der sowjetischen Besatzungszone nach Hamburg und arbeitet dort als professionelle Fotografin. Zwei Jahre später zieht sie nach Düsseldorf, um für eine Werbeagentur zu arbeiten, in der auch Bernd Becher jobbt. 1958 beginnt sie, Grafik an der Kunstakademie zu studieren, unterrichtet fotografische Grundtechniken und zieht das erste Mal mit Bernd Becher und Kamera ins Siegerland - eines der ältesten Industriegebiete Deutschlands.
Auf archäologischer Mission
Im Siegerland stirbt in den 1950er Jahren die Eisenindustrie. Rentablere Stahlfabriken im Ruhrgebiet lösen sie ab. Bernd Becher versucht, die von Stilllegung und Abriss bedrohten Zechen seiner Heimat in Zeichnungen "festzuhalten". Der Abbruch der Grube "Eisenhardter Tiefbau" in Eisern (Kreis Siegen) 1957 aber wird für ihn zum Schlüsselerlebnis: Sein Zeichenstift ist einfach zu langsam für die grassierende Abrissbirne. Also fotografiert er Förderturm und Aufbereitungsanlagen der Grube mit einer geliehenen Kleinbildkamera, um Abbildungsmaterial für seine Zeichnungen zu haben. Bald aber zeichnet er immer weniger, fotografiert immer mehr, entdeckt so die Typologie industrieller Architektur und findet mit Hilla Becher Ästhetik und Methode für ihre Dokumentation.
Ihre archäologische Mission startet in der Aufbereitungsanlage des Erzbergwerks "Alte Burg" im westfälischen Altenseelbach. Ein Jahr später wickeln sie die Siegerländer Fachwerkhäuser ab. Es folgen Straßen- und Ortsansichten. 1961 heiraten die Bechers, kaufen ihre erste Plattenkamera und ein Auto, um auch in den Industriegebieten Süddeutschlands, Frankreichs, der Beneluxländer und später in den USA zu fotografieren. 1963 stellen sie ihre Fachwerk-Serie erstmals aus - in der Buchhandlung und Galerie Ruth Nohl in Siegen. Drei Jahre später funktionieren sie einen VW-Bus für einen sechsmonatigen Arbeitsaufenthalt in den Industriegebieten von England und Wales zur improvisierten Dunkelkammer um. Ihr Lebensprojekt "industriearchäologisches Inventar Deutschlands und der Welt" rollt an.
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