Michael Ballhaus
Das entfesselte Auge
Michael Ballhaus hat die Arbeit des Kameramannes beim Film neu definiert. Unmögliche Einstellungen sind seine Spezialität. Fassbinder, Scorsese und Madonna waren begeistert.
Kameraleute werden nicht berühmt. Sie gelten im Allgemeinen nur als Erfüllungsgehilfen des Regisseurs. Denn der ist schließlich der Chef, kommandiert vom Regiesessel aus. Und erntet am Ende die Lorbeeren des Erfolges. Spielberg, Scorsese, Wenders – das sind Namen, die jeder kennt. Aber wer kann aus dem Stegreif die Namen ihrer Kameraleute nennen?
Bildregisseur ohne Oscar
Michael Ballhaus ist berühmt. Und er ist Kameramann. Auch wenn er die amerikanische Bezeichnung "Director of Photography" vorzieht. Die rund 80 - 100 filmischen Arbeiten des deutschen "Bildregisseurs" haben in Hollywood schwer Eindruck hinterlassen. Zweimal war Ballhaus für den Oscar nominiert und zweimal wählte ihn Hollywoods Filmpresse zum Kameraman des Jahres. "Kein anderer Deutscher hat in Hollywood eine ähnlich steile und ungefährdete Karriere gemacht", schreibt die Süddeutsche Zeitung.
Ballhaus' Spezialität sind schwierige, vermeintlich unmögliche Kameraeinstellungen. Im Kino mit Michael Ballhaus sieht man mehr – wesentlich mehr als sonst auf der Leinwand. Wer jemals wissen wollte, wie sich eine Billardkugel in den Millisekunden vor dem Aufprall fühlt, weiß es nach dem optischen Genuss einer rasenden Kamerafahrt von Ballhaus in der Billard-Saga "The Color of Money" (1986). Ballhaus gelingt eine beinahe physisch spürbare Annäherung an den kompletten Kosmos des Pool-Billards.
360-Grad-Dreh
Im Film "The Fabulous Baker Boys" (1989) scheint die Kamera über die Szenerie in einer Bar zu fliegen. Bevor sie Michelle Pfeiffer, die sich auf einem Flügel räkelt, langsam von unten umkreist. Ein Kunstgriff, der 360-Grad-Dreh, ein filmisches Schmankerl, das Ballhaus 1973 zusammen mit dem Regisseur Rainer Werner Fassbinder erfunden hat.
Regieanfänger Steven Klos darf sich glücklich schätzen, Ballhaus bei der Verfilmung der "Baker Boys" völlige visuelle Freiheit eingeräumt zu haben. Denn obwohl Ballhaus stets darauf bedacht ist, "die Arbeit des Kameramanns der Geschichte dienen zu lassen", gelingt es ihm, die Bildregie als zentrales Element des Films zu etablieren. Ganz nebenbei lanciert er mit einer einzigen Einstellung die Karriere von Michelle Pfeiffer.
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