Sigmar Polke
Kunst macht frei
"Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!" Kaum ein anderes Werkverzeichnis lässt so schmunzeln wie das von Sigmar Polke. Der Gegenwartskünstler hat Stillosigkeit als Stil etabliert.
Sigmar Polke wird gehandelt wie ein toter Klassiker. Er gilt als der "gefragteste und publicityscheuste Künstler, den Deutschland zu bieten hat" (Die Zeit). Seine Unerreichbarkeit ist legendär. Und wenn er sich zeigt, dann meist nur sorgfältig platziert zu Hause oder am Arbeitsplatz. Per Biographie wird man Polke indes kaum näherkommen. Auch wenn er selbst es nahe zu legen scheint, seine Biographie zu bemühen. Immerhin hat er sie für "Frühe Einflüsse, späte Folgen" extra zu Katalogpapier gebracht. Es hilft kaum weiter. Einen Polke sehen, wie er ist, kann man nur in eigener Anschauung. "Die Dinge sehen, wie sie sind", hat Polke spiegelverkehrt auf ein Bild geschrieben.
Rasterpunktorientiert
Sein künstlerisches Debüt gibt Polke 1963 im Düsseldorfer Möbelhaus Berges, als er mit Gerhard Richter, Konrad Fischer-Lueg und Manfred Kuttner unter dem Motto "Leben mit Pop" für den "Kapitalistischen Realismus" demonstriert. Damals ist er Anfang zwanzig, seit zehn Jahren in Westdeutschland und eingeschrieben an der Düsseldorfer Kunstakademie. Die "demonstrative Ausstellung" ist mehr als Pop Art-Polemik diesseits des Atlantiks und jenseits des Eisernen Vorhangs. Ausgangspunkt ist zwar eine alltagsbezogene Bildsprache wie in der Pop Art, made in USA. Hier persifliert sie aber ebenso den Sozialistischen Realismus in der DDR wie die dogmatische Nachkriegsmalerei im Westen Deutschlands. Sie zielt auf konsumideologische Mechanismen deutscher Kleinbürgerlichkeit ab.
Die Folge sind Polkes Dekostoff- und Rasterbilder, in denen er die technisch bedingte Rasterstruktur von Zeitungs-, Groschenroman-, Werbeprospekt- oder Filmplakatmotiven in Malerei übersetzt. Gerasterte Schokokekse, Pin-Ups, Schokoriegel, Palmen und Herrensocken auf der Leinwand, bürgerliche Idyllen auf Blümchentapeten, die Polke zum Bildmotiv nobilitierte, machen ihn international bekannt. Auch wenn die Vorliebe für Punkte schlicht seiner angeborenen Kurzsichtigkeit geschuldet sei, wie Polke gern kokettiert, besteht er darauf, das Punktesystem nicht wie Roy Lichtenstein als oberflächliches Stilmittel, sondern in seiner philosophischen Tiefe entwickelt zu haben.
Schwer einsortierbar
Sigmar Polke lässt sich in kein Raster zwängen. Gern verhält er sich möglichst stillos, will sich nicht festlegen lassen. Unvorhersehbarkeit imponiert ihm. So wechselt er von der Rastermalerei in die Konzeptkunst. Er spielt mit postmodernistischen Verweisen, Zitaten und Mythensymbolik, bedient sich bei Op-Art, Konstruktivismus und Farbfeldmalerei, der Form- und Farbsprache von Minimalismus, Fluxus und Arte Povera. Bis zur nächsten Kehrtwendung: Nach einer bohèmehaften Zeit in einer Landkommune bei Düsseldorf und Reisen nach Pakistan, Afghanistan, Südostasien, Australien und Papua-Neuguinea sucht Polke Anfang der 1980er Jahre nach einem Ersatz für traditionelle Bildsprache.
Großformatige Farb- und Materialexperimente in der Dunkelkammer und im Atelier beschäftigen ihn. Polke "fotografiert" nach Kriterien der Malerei und trägt lichtempfindliche Silberverbindungen auf Leinwand auf. Er tränkt Dekostoffe in Kunststoff, um sie transparent zu machen. Er malt, zeichnet, schreibt, collagiert und montiert weiter - auch auf Glas oder Folie. Seine Bilder sollen lebendig werden, Organismen, die reagieren oder sich selbst entwickeln. Polke will wissen, was geschieht, wenn kunstfremde Lacke, Lösungsmittel, Silbernitrat, Barium, Methanol oder Alkohol in Bildern aufeinander treffen. Glaubt man dem Künstler, hat er sogar gefährliche Pigmente wie das arsenhaltige Schweinfurter Grün beigemischt. Er experimentiert ständig - nutzt dabei auch Leinwand-Rückseiten oder den Einsatz halluzinogener Drogen. 1986 überrascht Polke das Biennale-Publikum in Venedig mit der besonderen "Spezialmixtur" einer Wandfarbe für den Deutschen Pavillon, die auf Licht, Feuchtigkeit und Körpertemperatur reagiert. Sind viele Menschen im Raum, färbt sich die Wand blau. Ziehen Wolken auf, wird sie rosa. Verblüfft von seinem hygroskopischen (Stoffe, die aus der Luft Feuchtigkeit anziehen und binden) Wandbild und seiner Installation "Athanor" (Kessel der Alchimisten), spricht die Jury ihm den Goldenen Löwen für Malerei zu.
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