Wim Wenders
Bis ans Ende der Welt
Der bekannteste lebende deutsche Regisseur geht zurück an die Uni. Nach mehr als zwei Dutzend Filmen und Wohnorten auf der ganzen Welt zieht es Wim Wenders nach Hamburg. Der große "Bildererzähler" wird ordentlicher Professor.
Eine atomare Katastrophe bedroht die Menschheit. Und die junge Claire reist einem mysteriösen Fremden hinterher – kreuz und quer über den ganzen Globus. Wim Wenders' Kinoproduktion "Bis ans Ende der Welt" aus dem Jahr 1991 ist Liebesgeschichte, ultimativer Road-Movie und Science-Fiction in einem. Typisches Beispiel für den Produktions- und Erzählstil des eigenwilligen Regisseurs. 15 Jahre Planung, Dreharbeiten auf vier Kontinenten und Kosten von rund 23 Millionen Dollar können Wim Wenders dabei nicht abschrecken. "Das Kino ist der einzige privilegierte Ort des Bildererzählens", erklärt er. Und kreiert seine eigene Vision von Bild und Erzählung. "Bis ans Ende der Welt" gilt als einer der bedeutendsten Filme der jüngeren europäischen Filmgeschichte.
Indianer und Frühkartoffeln
Von späteren Verdiensten um das Genre Film ist Ende der 1950er Jahre in Oberhausen-Sterkrade nicht die Rede. Wim Wenders wächst im kleinstädtischen Milieu der Nachkriegszeit auf - erzkonservativ und katholisch. Der Vater, Chefarzt am St.-Josephs-Hospital, besteht auf sonntäglichen Messbesuchen und strenger Schulausbildung. Erklärtes Ziel des jungen Wenders ist das Priesteramt. Vorerst interessieren ihn aber vor allem der Indianerkopfschmuck des Cousins und amerikanische Westernfilme. Wesentlich spannender als eine geschenkte 8mm-Kamera erweist sich der Mythos Amerika. Schallplatten von Elvis Presley und Roy Orbison lagert Wenders heimlich bei einem Freund - der Vater darf davon nichts wissen.
Nach dem Abitur 1963 tritt Wenders zunächst in die traditionellen Fußstapfen des Vaters. Doch nach zwei Semestern Medizin und zwei weiteren Semestern Philosophie bricht er sein Studium ab. Längst widmet er sich - fernab des drögen Unialltages - der Aquarellmalerei, skizziert Landschaften und liest sich kreuz und quer durch die literarischen Klassiker. Ein Aushilfsjob in der Düsseldorfer Filiale von United Artists liefert erste Einblicke in die Filmwelt - durchweg negative Einblicke.
"Ich habe die Vertreter und die Disponentinnen über Filme reden hören wie über Frühkartoffeln und Schlachtpreise", schildert Wenders seine Erlebnisse später. Wesentlich ergiebiger gestaltet sich da ein Aufenthalt in Paris.
Ins gelobte Land
In der französischen Hauptstadt angekommen, scheint Wenders Karriere allerdings beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat. Die Pläne für ein Studium an einer der renommiertesten Pariser Filmhochschule platzen. Demütigend versagt man dem jungen Deutschen sogar die Kandidatur für eine Bewerbung. So beginnt Wenders sein Filmstudium in Paris ganz privat: täglich um zwei Uhr nachmittags in einem der zwei Kinosäle der Cinémathèque. Mehr als tausend Filme sieht Wenders, bis er sich 1967 bei der neu eröffneten Münchner "Hochschule für Film und Fernsehen" bewirbt und genommen wird.
Drei Jahre, eine Hand voll Kurzfilme und eine Unmenge von selbstverfassten Filmkritiken später beendet Wenders sein Studium mit dem Film "Summer in the City". Ein Road-Movie, gedreht im winterlich tristen Berlin. Der erste abendfüllende Film ("Die Angst des Torwarts vor dem Elfmeter" nach einem Roman von Peter Handke) und der künstlerische Durchbruch ("Alice in den Städten") folgen. Das von Wenders maßgeblich geprägte neue deutsche Autorenkino sorgt international für Aufsehen. Wenders Ruf schallt bis ins gelobte Land der Kindheit. Regisseur und Produzent Francis Ford Coppola bietet ihm eine Zusammenarbeit an. Und Wenders reist nach Amerika. Verschiedene Drehbuchauffassungen lassen die Arbeit am Film "Hammett" letztlich scheitern. Wenders Produktions- und Erzählstil verträgt sich kaum mit der Arbeitsweise der kommerziellen amerikanischen Traumfabrik. Enttäuscht und desillusioniert kehrt er 1982 nach Europa zurück.
|