Wolfgang Tillmans
Irgendwie umarmen
Vom "Mister Zeitgeist" der 1990er Jahre zum wandlungsfähigen und international ausgezeichneten Künstler. Der deutsche Fotograf Wolfgang Tillmans arrangiert das Alltägliche - stets auf der Suche nach dem flüchtigen Moment.
"Es ging mir nicht darum, ausgefallene Fotos zu machen, sondern darum, etwas auszudrücken - eine Stimmung, ein Lebensgefühl, Zustände von Rausch, von Chaos", erklärt Wolfgang Tillmans. Mit Porträts und Schnappschüssen aus der Club-Kultur avanciert der 22-Jährige Anfang der 1990er Jahre schnell zum gefragten Fotografen. Keiner macht Fotos so wie Tillmans. Ob durchnächtigte Raver, die den Morgen im Gewerbegebiet erleben oder urbane Dandys in heimischen WG-Küchen. Der junge Deutsche knipst Freunde und Bekannte aus Hamburg, Berlin und London für Szene-Zeitschriften wie "Tempo" oder "i-D".
Urlaub mit der Familie
Frühzeitig entwickelt Tillmans Interesse am Medium Bild. Als Neunjähriger reißt er die Fotos der Flugzeug-Entführung von Mogadischu aus dem vom Vater abonnierten "Time Magazine". Fasziniert betrachtet er die grobkörnigen Abbildungen der 1977 entführten Lufthansa-Maschine. Ganze China-Kladden füllt der junge Tillmanns mit Fotos aus Zeitungen und Zeitschriften, die er ausschneidet und collagiert. Urlaubsbilder der Familie kopiert er bis zur Unkenntlichkeit, vergrößert profane Urlaubsszenen, bis nur noch Punkte zu sehen sind.
Ausgestattet mit Astronomiebuch und Fernrohr verbringt Tillmans den Beginn der 1980er Jahre zunächst hauptsächlich am Kinderzimmerfenster. Den Blick in den nächtlichen Himmel über Remscheid gerichtet. Erst ein Schüleraustausch nach London und ein Konzert der Band "Culture Club" wirken als menschliches und modisches Schlüsselerlebnis. Wolfgang Tillmans ist 14. "Diese Mode, New Romantic, das Make-up, diese Freude an der Inszenierung, all das war ein Erweckungserlebnis", erzählt er später.
Ruhrgebiet Richtung London
Mit dem Abitur in der Tasche und dem zu Ende gehenden Jahrzehnt im Rücken, verlässt Tillmans das Ruhrgebiet Richtung Hamburg und dann weiter nach Großbritannien. Am britischen Bournemouth & Pool College of Art & Design beginnt er ein Studium der Fotografie. Erste Ausstellungen seiner Bilder in Hamburg und Remscheid liegen zu diesem Zeitpunkt bereits hinter ihm. Seine Fotos finden sich inzwischen in den einschlägigen britischen Szene-Magazinen und ab 1993 auch erstmals in Londoner Galerien.
Die beginnenden 1990er Jahre scheinen ihren ersten Chronisten gefunden zu haben. Tillmans ist stets zur Stelle, fotografiert mit unverfälschtem Blick in der Techno-Szene und porträtiert die Protagonisten einer neuen Club-Kultur. Seine Bilder fangen scheinbar mühelos das Neue, das Lässige, das Urbane ein. Als Dokumentarist der "Generation X" wird Tillmans tituliert, obwohl er häufig einfach nur Freunde oder Bekannte knipst - beim Tanzen, Baden oder beim Sex.
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